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Schönheit - oder die Macht der Gene

Eine Redensart besagt: "Schönheit liegt im Auge des Betrachters". In der heutigen Zeit werden die Normen der Schönheit oft von Prominenten und Models definiert. Wer aussieht wie Heidi Klumm oder Brat Pitt ist schön. Doch welche Mechanismen stecken wirklich hinter unserem Schönheitsempfinden? Sind wir Opfer einer genetischen Programmierung? Neueste wissentschaftliche Studien belegen diese Theorie.

Gestern im Englischen Garten, eine Frau kam entgegen. Blaue Augen, eine blonde Lockenpracht, die perfekte Nase und fein ziselierte Wangenknochen. Auf ihrem Gesicht lag ein leichtes Lächeln und die Sommersprossen schimmerten in der Abendsonne auf der braunen Haut. Dieses Gesicht war schön, beeindruckend schön - aber genau hier liegt das Problem.

Blonde Haare, blaue Augen und fein ziselierte Wangenknochen haben unzählige Frauen. Aber wir empfinden nicht alle als schön. Bei dieser Frau spürten wir die "Macht der Schönheit". Warum? Weil sie unsere Blicke auf sich zog, sich in unsere Gedanken schlich.

Fragen wir uns einmal ehrlich, welche Entscheidungen treffen wir täglich um schöner, attraktiver zu wirken. Allein die allmorgendliche Prozedur im Bad, um die Spuren des Lebens zu kaschieren, über den prüfenden Blick in jeden Spiegel, bis zu der Hoffnung, am Bankschalter von der rassigen Schwarzhaarigen bedient zu werden. Selbst die tägliche Dosis Pessimismus in den Abendnachrichten lassen wir uns lieber von einer Frau erzählen. Eins wird dabei sehr deutlich: Die Suche nach Schönheit - die manchmal schon zur Sucht wird - lenkt machtvoll unser Tun.

Aber warum? Wir sagen "schöne Frau" oder "schöner Mann" - und denken dabei heimlich doch nur an das eine? Vieles spricht dafür.

Verhaltensbiologen untersuchten die Frage: Hat Schönheit einen Nutzen und wenn ja, welchen? Die eindeutige Antwort: Ja - Sex ! Wir erkennen den optimalen Fortpflanzungspartner an seinem makellosen Körper, so die Wissenschaftler. Es ist ein perfider Trick der Natur: Unsere Sucht nach Schönheit, sichert die Errungenschaften der Evolution.

Bei Menschen und Tieren greifen identische Mechanismen, so das Ergebnis der Verhaltenspsychologen. Schöne Federn, ein seidig glänzendes Fell oder lautes dominates Gebrüll; für Tier-Frauen eindeutige Anzeichen die Gesundheit, Kraft und somit das Vorhandensein "guter Gene" ausdrücken.

Der Wiener Ethologe Karl Grammer belegt: "Unsere Schönheitsobsession kommt aus der Evolution". Das ideale Alter einer schönen Frau liegt laut repräsentativer Befragungen bei 24,8 Jahren. Ein Alter, in dem Frauen am meisten Östrogen ausschütten, die vollsten Lippen und ausgeprägtesten Brüste haben - also bestens für die Fortpflanzung geeignet sind.

Frauen sind da etwas differenzierter. Während des Eisprungs werden Männer bevorzugt, deren kantiges Profil und kräftige Muskeln einen hohen Testosteronspiegel verraten. Mit anderen Worten; gesunde, dominate Gene für die Brut vom Alpha-Männchen. Ansonsten, so die Verhaltensforscher, sind auch softere Typen gefragt. Der Grund: Der Fortpflanzungsdrang und somit die Gefahr des "Fremdgehens" ist bei Männern mit niedrigerem Testosteronspiegel weniger stark. Auch die Sorge um den Nachwuchs ist bei ihnen wesentlich ausgeprägter. Der Macho zieht weiter zur nächsten, der Softie bleibt bei der Brut.

In der Symmetrie, der Ausgewogenheit von linker und rechter Gesichts- und Körperhälfte, erkannten Psychologen der schottischen St. Andrews Universität ein Grundprinzip der Schönheit. Mit Hilfe eines Computers kopierten sie zahlreiche Frauengesichter übereinander. Das Resultat; ein perfektes Durchschnittsgesicht, ebenmäßig, harmonisch, mit glatter Haut. Alle befragten Versuchspersonen empfanden es deutlich attraktiver, als jedes der ursprünglichen Einzelbilder. Englische Forscher wiederholten die Tests mit drei- bis sechsmonatigen Kleinkindern. Sie wollten so prüfen, ob diese Vorliebe angeboren oder anerzogen ist. Tatsächlich schenkten auch die Kleinkinder den ausgewogenen Kunstgesichtern wesentlich mehr Aufmerksamkeit als den Ausgangsgesichtern.

In den letzten Jahren wurden wir Verbraucher mit solchen Standardschönheiten überfrachtet. Werbeplakate und TV-Spots versuchten sich gegenseitig zu überbieten - ein Teil der Magie ging verloren. Die Forscher von St. Andrews bestätigen diese Entwicklung: Neueste Studien berichten von einer nochmaligen Steigerung der empfundenen Schönheit dieser übereinanderkopierten Kunstbilder, wenn sie "minimale Fehler" in das Endergebnis einbauten - die Augen ein wenig zu groß, ein Leberfleck hier, eine kleine Narbe dort.

Mit diesem Wissen versehen, erkennen wir in Claudia Schiffer oder Heidi Klum die perfekten Vertreter symmetrischer Schönheit. Nirgends der geringste Makel der diese Harmonie stören könnte. Männliches Pendant ist Tom Cruise, dessen kräftiges Kinn, der gut gebaute Körper und die stahlenden Augen suggerieren jeder Frau, dass er den Nachwuchs vor Angreifern verteidigen könnte. Wer bei Schönheit auch das Einmalige sucht, versteht die Faszination des Leberflecks an Cindy Crawfords Oberlippe. Und versteht auch, weshalb sich Heidi Klum den narbengesichtigen Sänger Seal ausgesucht hat, einen Kerl mit Kratergesicht, der bei vielen Frauen als "sexy" und "so stark" gilt.

Die amerikanische Soziologin Susan Sprecher behauptet "Schöne leben auch schöner". Schon im Kreißsaal erhalten schöne Babys mehr Zuwendung, und sie spüren das. Schöne Kinder dürfen mehr spielen, man sieht über Unsinn leichter hinweg. Sie kommen einfacher durch die Schule, da sie bei gleicher Leistung oft die besseren Noten erhalten. Sie haben mehr Freunde, weil wir uns alle lieber mit schönen Menschen umgeben. Und später, wenn sie berufstätig sind, verdienen schöne Menschen mehr. Einer britischen Studie zu Folge bekommen attraktive Männer bis zu 15 Prozent, schöne Frauen bis zu elf Prozent mehr Gehalt.

Wen wundert's, dass heute immer mehr ihr Aussehen in den Vordergrund stellen und vielen ist jedes Mittel recht um daran zu feilen. 660 Millionen Euro gaben allein Deutschlands Männer 2002 für die vermeintliche Optimierung ihres Körpers aus und geht es nach den Vorstellungen der Schönheitsbranche, so ist dies erst der Anfang.